Stadtentwicklung - was geht mich das an?

"Die Stadt ist gebaut, da gibt es nichts mehr zu entwickeln" sagen die einen. "Die Stadt und ihr Umfeld verändern sich laufend, und wir wollen hier mitreden" fordern die anderen. Am 14. Juni 2017 werden die ersten Weichen gestellt.

 

Als Stadtentwicklung bezeichnet man die räumliche, historische sowie strukturelle Gesamtentwicklung einer Stadt. Hierunter kann zum einen die Planung und Entwicklung der gesamten Stadt sowie zum anderen die Entwicklung einzelner Stadtquartiere verstanden werden. (Wikipedia)

 

 Stadtentwicklung gibt es seit mehreren tausend Jahren. Im Laufe ihrer langen Geschichte können verschiedene Motive für Stadtentwicklung belegt werden: Von Prunk- und Machtentfaltung der Herrschenden, über kalte Funktionalität der Industrie- und Fabrikstädte bis hin zur Gestaltung menschengerechter Städte. Heute ist das zuletzt genannte Motive zumindest in den post-industriellen Ländern der westlichen Kulturen das wichtigste. 

 

Stadtentwicklung wie sie heute verstanden wird,  ist ein bewusster, zielgerichteter, aktiver Planungs- und Veränderungsprozess. Im Gegensatz dazu steht eine vielerorts zufällig verlaufende Entwicklung.

 

Das Gedeihen unserer Kleinstadt wird ist seit Jahren durch konkrete Planungsprozesse begleitet. Hier seien beispielhaft an einige grössere Entwicklungsschritte der letzten 50 Jahre erinnert: Integration von etwa 3000 Zuzügern im Augarten, Befreiung der Altstadt vom Durchgangsverkehr, Erschliessung neuer Siedlungsgebiete im Osten der Stadt (Theodorshof, Alte Saline) und im Westen (Weiherfeld, Salmen-Park), Sanierung der kommunalen Abwässer, Wärmeverbund zusammen mit der Industrie. 2016 wurden diese Anstrengungen auf nationaler Ebene mit der Verleihung des Wakkerpreises anerkannt und geehrt. Auch ausserhalb der gebauten Stadt konnte 2016 mit der Rettung des Wäberhölzlis als stadtnahes Erholungsgebiet ein wichtiger Erfolg gefeiert werden.

 

Dennoch gehen Entwicklungen, deren Ursprung ausserhalb Rheinfeldens liegen, nicht an der Stadt vorbei. Das erklärt auch, warum seit etwa einem Jahr Themen wie Leerbestände bei Geschäftsliegenschaften, bezahlbarer Wohnraum, überlastete Verkehrswege, Littering (Vermüllung des öffentlichen Raumes) usw. immer häufiger den Weg in die regionalen und lokalen Zeitungen finden. Dabei geht es vor allem um Folgeerscheinungen der demographischen Entwicklung, der Globalisierung, den Wandel von einer mehrheitlich sich solidarisch verpflichtet fühlenden Gesellschaft zu einer zum Teil auf (kurze) Zeit zufällig zusammengewürfelte Gruppierung von Individuen mit persönlichen Optimierungszielen und eigenen Vorstellungen, was z. B. Freiheit bedeutet.

                                    

 

Was bedeutet das für Rheinfelden?

 

An der Einwohnergemeindeversammlung (EGV) vom 14. Juni ist unter Traktandum 6 traktandiert: Verpflichtungskredit über CHF 750‘000 für die Erarbeitung eines Raumentwicklungskonzepts (REK) und die Revision der baurechtlichen Grundordnung. Das leitet einen weiteren wichtigen Schritt im Stadtentwicklungsprozess ein, der nie abschlossen sein wird. Hier geht es um Fragen, die das gesamte Gemeinwesen betreffen. Zum Beispiel:

  • Soll Rheinfelden weiterwachsen? Wenn ja: im Tempo der letzten 5 bis 10 Jahre?
  • Wie und wo kann der benötigte und bezahlbare Wohnraum gebaut werden?
  • Was bedeutet weiteres Wachstum für die Mobilität, die Verkehrsinfra-struktur?
  • Was bedeutet weiteres Wachstum für die Ökologie der Stadt und der Region?
  • Wo sollen welche Arbeitsplätze angesiedelt werden, in welchem Umfang?
  • Welche Erholungszonen sollen unter welchen Bedingungen natur-verträglich zugänglich gemacht werden?
  • Welche Entwicklungen können zusammen mit Nachbargemeinden oder regional koordiniert, vertraglich abgesichert und gemeinsam finanziert werden? 

Neben dem REK, das die Weichen für die nächsten 10 Jahre und länger stellen wird, gibt es Fragen im Zusammenhang mit der Entwicklung der Quartiere. Sie sind nicht weniger wichtig und ebenso kontrovers. Einige Beispiele dazu:

  • Altstadt: zum Mal stellt sich die Frage nach der Zukunft der Altstadt, vor allem vor dem Hintergrund des ‚Ladensterbens‘. Die verschiedenen Bemühungen der vergangenen 20 Jahre haben die Entwicklung, die landes- und europaweit in gleicher Weise zu beobachten ist, nicht stoppen können.
  • Altstadt: wie können Sockelgeschosse anders genutzt werden? Wie können Immobilienbesitzer dazu motiviert werden?
  • In der Altstadt treffen öffentlicher und privater Raum unmittelbar aufeinander. Die gängigen Vorstellungen, wie damit umzugehen ist, klaffen teilweise sehr weit auseinander. Der Grundsatz, dass alle (Menschen) vor dem Gesetz gleich zu behandeln sind, gilt in der Altstadt für bestimmte Bereiche nicht. Die meisten Bewohner dieses Quartiers können damit leben. Sie wehren sich verständelicherweise aber gegen missbräuchliche Auslegungen der Ausnahmeregelungen. Das Eventmanagement müsste deutlich engeren Regeln unterstellt werden.
  • Ist die weitgehend verkehrsfreie Altstadt immer noch zeitgemäss?
  • Aussenquartiere: Anschluss an den öffentlichen Verkehr, Parkplatz-regime, Auswirkungen des Publikumsverkehrs zu öffentlichen Einrichtungen (Schulanlagen, Sportplätze).

 

Es kann davon ausgegangen werden, dass die Gestaltung einer lebenswerten Gemeinde mit hoher Lebensqualiät den meisten Bewohnern Rheinfeldens ein echtes Anliegen ist. Die Aufzählungen oben zeigen, dass die Stadtentwicklung einigermassen komplex ist, vor allem wenn auf relativ engem Raum mehrere Anspruchsgruppen mit zum Teil diametral entgegengesetzten Interessen aufeinandertreffen. Es gibt aber viele Beispiele, wie Städte und Dörfer solche Aufgaben lösen. Die sind in umfangreicher, verständlich geschriebener und reich illustrierter Literatur allen zugänglich, die sich dafür interessieren oder sich sogar engagieren wollen.

 

 

Was heisst das konkret?

 

Klar und unbestritten sind die folgenden Anforderungen an eine interdisziplinäre, integrierte und zukunftsgerichtete Herangehensweise:

  • Offen und vollständig kommunizierte Pläne zur Stadtentwicklung. Jeder grosse Schritt soll in einer Sonderpublikation dargestellt und in alle Haushaltungen verteilt werden.
  • Allgemein zugängliche Dokumentationen.
  • Verankerung der Nachhaltigkeit auf der lokalen Ebene.
  • Früher Einbezug der betroffenen Bevölkerungsgruppen. Auf der Ebene (Gesamt-)Stadt wird an der EGV vom 14. Juni ein erster Schritt getan. Der genügt aber nicht, die Bevölkerung muss auch bei weiteren Schritten einbezogen werden. Auf der Ebene Quartier werden heute die betroffenen Bewohner ausgegrenzt oder einfach vergessen.
  • Mobilisierung der Abstinenten, sich vermehrt um die Zukunft der Stadt zu kümmern. Gutes und Angenehmes fällt nicht einfach gratis vom Himmel. Es muss immer wieder erarbeitet und gepflegt werden.
  • In Rheinfelden wohnende Ausländer sollen in die einbezogen werden.

Hinweis: Literatur zu Stadtentwicklung ist bei UNSER RHEINFELDEN vorhanden und kann ausgeliehen werden, einige Dokumente können aus dem Internet heruntergeladen werden.

 

Beat Schärer, Rheinfelden