Littering - propere Wakker Stube mit Kratzer

Die Mitarbeiter des Stadtbauamtes bemühen sich redlich um die neue saubere und gemütliche  Wakkerstadt. Dort, wo weniger Touristen herumlaufen und ausserhalb der Reichweite des Stadtbauamtes stolpert man immer wieder über das, was Naturliebende hinterlassen: Müll aller Art. Vor allem im Sommer.

 

(englisch), in Wikipedia mit Vermüllung übersetzt, bezeichnet die Verschmutzung von Flächen und Räumen durch Müll, in der Regel in Folge des achtlosen Wegwerfens und Liegenlassens von Abfall, vorzugsweise auf öffentlichem Grund, d. h. insbesondere auf Straßen und Plätzen, in Parks und in der offenen Landschaft.

 

Grundsätzliches

 

Eigentlich nichts Neues: Abfall wird auf öffentlichen Grund geleert, damit die Stube sauber bleibt.

Wer im Herbst in Süditalien Badeferien macht, rüstet sich am besten mit Rechen und Schaufel aus: Der Weg zum Meer ist fusstief mit Müll bedeckt, während es in den Wohnungen klinisch sauber glänzt. In der sibirischen Tundra genau gleich: Die unendliche Weite ist mit Abfall, rostenden Baumaschinen, Lastwagen und Benzinfässern übersät, in den Holzhäusern aber findet sich kein ungeputzter Winkel. Letztlich ist auch das gescheiterte Deponievorhaben im Wäberhölzli gleich entstanden: Mitten im Wald eine Deponie, das heisst doch; aus den Augen aus dem Sinn, die saubere Stube Rheinfelden beschränkt  sich auf die Wakkerzone.

Sobald der Mensch Abfall produzieren konnte, warf er ihn aus seinen Wohnstätten, zuerst in den nächsten Bach oder Fluss. Fliessgewässer mussten deshalb schon im Mittelealter gesetzlich vor dem Littering geschützt werden: Mikroben aus dem Schmutzgewässer trafen Menschen tödlich.

Nach Abwasserreinigungsanlagen kamen die ungeordneten Deponien, dann die Abfallverbrennungsanlagen, dann die Recyclinganlagen und die Gärungstürme (Biogasanlagen).

Wir sind uns an die Sortierung von Abfall gewöhnt und aus Abfall ist auch eine Geschäftssparte entstanden.

 

 

Aktuell

 

In diese zunehmend saubere Welt kommt nun die Jugend, und diese littert ungeniert in Pärken und Wäldern herum, den ganzen hygienischen Fortschritt  mit Füssen tretend. Das ist eigentlich ein Rückgriff auf  unsere affenähnliche Vergangenheit: Während ein Hund problemlos mit drei Monaten stubenrein ist, bleibt ein Menschenkind drei Jahre in seinen Pampers.  Dieses Verhalten bereitet Mühe und Kosten: Wer am frühen Vormittag die Putzmannschaften im Rheinpark Ost beobachtet oder den  behinderten Kinder am Dienstag beim Aufräumen  des Kiwanis-Grillplatzes zusieht, braucht keinen weiteren Anschauungsplatz, ansonsten könnte er am Montag noch ein bisschen rheinaufwärts zum Beugger-Boden spazieren.

 

Wenn in der Schweiz ein neues Problem auftaucht, wird sofort ein neues Schulfach gefordert. Dieses soll dann  mit Information und Aufklärung den Heranwachsenden die fehlenden Vernunft und Motivation nahebringen. Meistens nützt dieses neue Schulfach wenig. Beim Littering  wird es aber gar nichts nützen, weil die Jugendlichen ganz ohne Schule in den 70er Jahren eine wahrhafte Entsorgungsmanie entwickelten, die aber kaum 10 Jahre dauerte, bis sie in ihr Gegenteil kippte.

 

Man muss hier die Pädagogik beiseite lassen und  tiefer greifen.Die naive Politik glaubt immer noch, der Mensch sei auf dem Amboss der Pädagogik ein leicht formbarer Werkstoff. Dies ist deshalb so naiv, weil das politische Personal täglich den Gegenbeweis antritt. Häufig gilt nämlich, dass pädgogische Bemühungen starke Gegenkräfte auslösen, die man in unserem Rheinfelden ja  zur Genüge kennt: Wenn  die Deutschen etwas besser machen als wir, machen wir es erst recht nicht besser, wenn Möhlin mit dem Rheinufer-Littering besser umgeht als Rheinfelden, dann schliesst Rheinfelden einfach die Augen vor dem Rheinufer-Littering.

 

Jugend muss ihre überbordende Energie ausleben. Während sich dazu einmal Kreuzzüge in den Nahen Osten, Wikinger Fahrten nach Grönland oder das GO-WEST in den heutigen USA anboten, gibt es dazu gar keine Gelegenheiten mehr: Wer jung ist, muss seine Diplome erwerben, diese sind der Grundstoff für ein erfolgreiches Leben geworden. Das heisst aber, dass die heutigen 

Jugendlichen unter pädagogischer Herrschaft aufwachsen: Gute Noten sind heute das, was vor 50 Jahren Vitamine und Kinderlähmungsimpfung waren: Eine Garantie für eine halbswegs erfreuliche Lebensperspektive.

Der Protest der Jugend hat also kein natürliches Ventil mehr, der natürliche Protest muss sich also „unnatürlich“äussern:

 

Man ärgert die etablierte Umgebung, in dem man zivilisatorische Fortschritte missachtet: Rauchen und Alkohol und Drogen sind zwar tödlich, also nehmen wir die Gifte. Die bürgerliche Ruhe kann durch die heutigen Lautsprecher leicht aufgehoben werden. Dann kommt bald auch die Ordnung im öffentlichen Raum, die leicht und gefahrlos gestört werden kann. Weil die politische Szene Feste zur Selbstdarstellung  braucht, liefert sie die zum Littering notwendige Bühne gratis, und wundert sich nachher scheinheilig über Verwüstungen aller Art: Es gilt immer noch „Gelegenheit macht Diebe“, folglich sollte man einmal bei den Gelegenheiten, nicht nur bei den Dieben ansetzen. Die event-geilen Politiker („Stadtmarketing“) müssen sich also an der eigenen Nase nehmen: Sie sind ein Teil des Problems, das sie heuchlerisch beklagen.

 

 

Lösungsvorschläge

 

Kostenwahrheit:

Jeder Anlass, jeder Neubau bewirkt  Folgekosten, z.B. die Reinigungskosten für leicht berechenbares Littering: Rheinfelden ist in dieser Sparte von zäher Lernresistenz: Ob eine Rheintreppe oder Aussichtsplattformen oder Grillplätze oder Rheinstege: Überall stecken regelmässig anfallende Litteringkosten, die der Gemeindversammlung ebenso regelmässig vorenthalten werden.

Kennte die Gemeinde die wahren Kosten der vorgelegten Projekte, sie würde die Gelegenheiten für Littering nicht so grosszügig vermehren.

 

Waldgebiet:

Dieses gehört nicht in die Wakkerzone, erhält also wenig Aufmerksamkeit vom Gemeinderat. Der Stadtammann ist auch Vorsteher der waldbesitzenden Ortsbürger. Damit wäre sein Amt eigentlich geeignet, zwischen den Interessen der Waldbesitzer und der öffentlichen Funktion des Waldes als Erholungs-gebiet zu vermitteln. Diese Brückenfunktion wird aber nicht wahrgenommen, und die Litteringmisere wird den verwaltungsinternen Kompetenz-streitigkeiten überlassen – was im Effekt heisst, dass nichts geschieht. 

 

Lernprozesse:

Rheinfelden könnte von andern Gemeinden lernen – wenn es die Grösse hätte, lernen zu wollen.

Man schafft auch Diebe in Rheinfelden, weil man ihnen keine Gelegenheit offeriert, keine Diebe zu sein.

Dazu gehören so einfache Dinge wie Abfallkübel: Bereits Möhlin zeigt, wie man solche zweckdienlich bauen müsste. Einfachere Systeme kann man an der Schauenburgerfluh oder in Bubendorf sehen, beide im nahen Baselland.

Basadingen ist ein Beispiel, wie man den Wald eher als Wandergebiet denn als Grillstube der Bevölkerung anbietet.

Lernen hat viel mit Nachahmen zu tun („learning by imitating“). Das scheint aber an den Lokalstolz zu rühren. Deshalb könnte man wenigstens zum „learning by doing“ Zuflucht nehmen.

Für eine reiche Kleinstadt, die sich einen Luxussteg leistet, dürften ein paar billige Experimente zur Littering-Reduktion eigentlich schon drinliegen

 

Jürg Keller, Rheinfelden