Im Rückwärtsgang in die Zukunft?

Der Aargauische Gewerbeverband (AGV) sieht verkümmernde Dorf- und Stadtkerne, zerfallende und leere Liegenschaften. Schuld daran sei die Verdrängung der Detaillisten, der Gastrobetriebe und der Handwerker. Dagegen will er mit einem Katalog von Forderungen dezidiert vorgehen. 

 

Die Forderungen der AGV kommen in der Neuen Fricktaler Zeitung am 29. November als Thesenpapier daher. Verbesserungen seien «nur gemeinsam, unter Zusammenführung der Interessengruppen» zu erzielen. Soweit tönt das gut, vor allem die Bereitschaft, anscheinend alle Betroffenen einzubeziehen.

In einer Art Symbiose lebten Einzelhandel, Gewerbe und Dienstleistungen schon immer zusammen. So entstanden gegenseitige Abhängigkeiten, aber auch gemeinsames Gedeihen. Als vor mehr als 60 Jahren die Motorisierung die breite Masse der Gesellschaft überrollte, begann die Gesellschaft, ihre Gewohnheiten und Präferenzen immer schneller zu verändern. Der Einzelhandel wurde nicht, wie der AGV behauptet, aus Dörfern und Städten verdrängt. Er fand dort sein Auskommen nicht mehr. Der wohl wichtigste Baustein der Symbiose brach weg. Mit einschneidenden Folgen für das Handwerk und die Wirtshäuser: ihnen fehlt seitdem ein grosser Teil der bisherigen Kunden. Diese Entwicklung hat inzwischen ganz Europa erfasst, Dörfer, Kleinstädte, aber auch Basel und Zürich. Es muss davon ausgegangen werden, dass die gute alte Zeit nicht zurückkehrt. Wer wäre dazu bereit?

Wenn die Dorf- und Stadtzentren nicht ‘absterben’ sollen, dann müssen sie für andere Nutzungen fit gemacht werden. Das Bundesamt für Wohnungswesen empfahl schon vor mehr als zehn Jahren, die frei gewordenen Räume anders zu nutzen, z. B. für Dienstleistungen, für Wohnen. Leider wird die Botschaft immer noch nicht gehört oder sie wird einfach verdrängt.

Dass der AGV das Thema aufgreift, ist zu anerkennen. Nicht seine alle Thesen sind allerdings dafür geeignet, das Problem zu lösen. Im Gegenteil, einige würden die Lebensqualität der Menschen, die in den Kernzonen wohnen, vermindern. Ausserdem würden mit ‘lockeren’ Sonderregeln die betroffenen Bewohner zu Bürgern zweiter Klasse degradiert. Das darf nicht sein. Bei uns gilt – zum Glück – immer noch, dass alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind.

Die Handhabung der für alle gleichermassen geltenden Gesetze ist in hiesigen Dorf- und Stadtkernen schon heute courant normal und allgemein akzeptiert. Die Ausnahmen müssen jedoch unter den Betroffenen im Dialog ausgehandelt und beschlossen werden. Sicher nicht akzeptiert wird heute, dass Aussenstehende mit gütiger Hilfe der Behörden ihre Interessen zulasten der ansässigen Bewohner durchdrücken. Für den AGV gäbe es zum Beispiel zwei Aktionsfelder, die zum Erhalt bestehender Strukturen beitragen: Erstens die Sanierung der Wirtshäuser, so dass sie für die Art, wie sie ‘bespielt’ werden sollen, geeignet sind und für die Nachbarn nicht zur Belästigung werden. Dann gehört dazu ganz besonders die Schulung der Wirte im Umgang mit einer Umgebung, in der auch Menschen leben wollen.

Es mag populär sein, über die vielen Gesetze, Verbote, Vorschriften, Regeln zu jammern. Man kann sich aber auch die Frage stellen, warum sie überhaupt da sind. Vielleicht hat das etwas mit dem neueren Verständnis von Freiheit zu tun.

Fazit: Der AGV versucht mit Thesen eine gewerbliche Struktur in Dörfer und Städte zurückzuholen, die sich seit 50 oder 60 Jahren unumkehrbar in eine andere Richtung entwickelt.

 

Beat Schärer, Rheinfelden