Der "unrentable" Wald

Viele Besitzer stöhnen unter Verlusten in der Bewirtschaftung ihres Waldes. Eigentümer sind grösstenteils Bürgergemeinden - wie zum Beispiel die Ortsbürgergemeinde Rheinfelden. Schuld daran seien die seit Jahren die Holzpreise. Auf der anderen Seite erlebt die Verwendung von Holz als Baumaterial eine Renaissance. Warum hier die sonst gängige Marktregel, wonach bei steigender Nachfrage der Preis eines Gutes steigt, nicht funkioniert, wird in einem Beitrag erläutert, der am 10. Januar in der "Neuen Zürcher Zeitung" erschien.

 

Das Holz der Schweiz kann in der Schweiz oft nicht verarbeitet werden, weil wir die Sägekapazitäten dazu nicht haben. Die vertikale Verkaufsstruktur gibt es also gar nicht. Die Folgen davon:

  • Wir importieren für die Holzbauten die Elemente aus dem Ausland.
  • Wir exportieren unser Holz in die ganze Welt: Aus Rheinfelden werden Buchenstämme in Container verladen und nach China verschifft (vielleicht

    kommen sie dann in Pratteln als Ikea-Bausätze wieder zurück). Ich habe auf dem Handelsplatz Rheinfelden Käufer von Polen (Posen), Spreewald, Spessart,

    Elsass, Italien (Milano, Venezia) gesprochen. Bekannt ist das Beispiel des Buchenholzes: Schweizer Firmen kommt bei Buchenholz fast nur der

    Küchenhocker in den Sinn, Mailand aber macht damit elegante Sessel und Liegen: Phantasielosigkeit ist in unserer Möbelindustrie endemisch.

  • Wir exportieren unser Holz zur Verarbeitung in unsere Nachbarländer, weil die Technik (beispielsweise für Holzträger) in der Schweiz fehlt und

    importieren die verarbeiteten Produkte wieder.

Mit ETH-Beratung gelang es Tito, in Jugoslawien eine gut funktionierende und waldschonende Infrastruktur aufzubauen. Sie hiessen Kombinate und umfassten alles: von den Baumpflanzungen, Schutzreservaten, Sägereien bis zum fertigen Möbel. In der freien Marktwirtschaft der Schweiz zerbröselt diese Kette in Einzelteile, die nicht mehr aufeinander abgestimmt sind (oder auch fehlen), was alle Glieder zum Klagen ermächtigt, und zum Elend unserer Waldbewirtschaftung beiträgt. Dass dabei unnötige und sehr lange Transportwege entstehen, ist ein Folgeproblem dieser Misere. Für ein Land, das von Natur aus ein Waldland ist (Grasland ist falsch!), ist dies ein Armutszeugnis.

 

Die Unbeweglichkeit unserer Waldverantwortlichen (Förster, Waldeigentümer) sitzt auf der Anklagebank. Die zentrale Ursache dürfte die Institution der Ortsbügergemeinden (OBG) sein. Obwohl es darunter Leuchttürme gibt, hemmt die Mehrzahl jede Bewegung zum Guten hin. Seit Jahren singen die OBG im Chor der zahlreichen Klageweiber unseres Landes einen zuverlässigen Fugenpart: "Wir ringen mit den Defiziten“ (weshalb die OBG Rheinfelden kürzlich eine Erntemaschine für eine halbe Million angeschafft hat).

Historisch sind OBG Relikte aus Zeiten, für die nur noch die SVP mit ihrer speziellen Geschichtsauffassung zuständig ist, sicher aber deutlich vornapoleonisch. Dieser alte Zopf ist auch demokratisch bedenklich: In Rheinfelden sind etwa 333 stimmberechtigte Bürger Mitglieder der OBG (bei 7500 Stimmberechtigten insgesamt). Diese Minderheit ist Eigentümer des ganzen Waldes und belästigt die Gemeinde mit Walddeponien, Kiesgruben und einer Waldpflege, die die roten Zahlen vermehrt und den Wald verhässlicht. Dass der Gemeindeammann ex officio die OBG präsidiert, öffnet zudem Tür und Tor für Beziehungsprobleme, die dem Gemeinwohl schaden (können).

 

Jürg Keller, Rheinfelden

 

Ergänzung von Roland Frei, Rheinfelden:

Ich habe im Mai 2018 mit Berufskollegen den Vorarlberg besucht, um die neuesten, modernen Holzbauten zu bestaunen, die vorbildliche Waldpflege sowie die vielen hochtechnisierten Zimmereibetriebe, welche fast in jedem Dorfe zu finden sind. Den Schweizer Holzbauern und Förstern wäre ein Lehrgang in unserer

Nachbarschaft Vorarlberg unbedingt und wärmsten zu empfehlen!!

 

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Schweiz profitiert nicht vom Holzbauboom
Neue Zürcher Zeitung, 10. Januar 2019, Seite 13
190110 NZZ - Schweiz profitiert nicht vo
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