Irrläufer Mediterranisierung

Sommerzeit – es gibt kaum eine Tätigkeit, die jetzt nicht in der Öffentlichkeit, auf dem Boulevard zur Schau getragen wird. Trotzdem glauben besonders coole Zeitgenossen, die sogenannte Mediterranisierung brauche noch die totale Befreiung von jeglichen Fesseln.

Die Mediterranisierung ist in aller Munde, somit in jeder denkbaren Variation en vogue. Sie lebt von der Illusion, dass man die Kultur der Mittelmeeranrainer auf unsere Verhältnisse übertragen kann. Alle Erfahrungen zeigen aber, dass so etwas nicht funktioniert. Das erklärte Ziel etlicher Zeitgenossen ist jedoch nun Party-Stimmung rund um die Uhr, also die 24-Stunden-Gesellschaft. Dabei wird vergessen oder verdrängt, dass unsere Städte eben nicht mit den Tourismus-Maschinen an der Adria und am Mittelmeer gleichzusetzen sind. In unseren Städten gibt es kaum mehr oder weniger ausgesprochene Vergnügungs- und Ausgehquartiere. Hier leben auch ganz normale Leute, solche, die einem Beruf nachgehen, der tagsüber ‘stattfindet’. das sind Menschen, für die wichtige ‘Stadtqualitäten’ – Nähe zu Einkaufsmöglichkeiten, Apotheken, Dienstleistungen – Lebensqualität schlechthin bedeutet, jedoch kein Halli-Galli rund um die Uhr.

Auch wenn der Ruf nach noch mehr Mediterranisierung stets lauter und mit Nachdruck vorgebracht wird, steht fest, dass deren Verfechter nicht die gesamte Bevölkerung repräsentieren. Zudem wohnen sie meistens irgendwo in stillen, abgeschotteten Wohnquartieren. Wer anderer Meinung ist, wird in der Regel gleich mit einer weiteren, diesmal moralischen Forderung nach mehr Toleranz gefügig gemacht. Wer will schon intolerant sein? 

In den Tourismuszentren am Mittelmeer erfüllt die hochgelobte Mediterransierung die Funktion einer Geldmaschine. Darum ist sie in dieser Monokultur der Normallfall. Allerdings fangen selbst die tourismusgewohnten Mittelmeerländer an, die Geister zu fürchten, die sie riefen. Zunehmenden Übertreibungen werden jetzt Grenzen gesetzt. So zum Beispiel in Barcelona, Venedig, auf Mallorca.

In unserem Land sind wir noch nicht ganz so weit. Die Partyszene beschäftigt allerdings auch Zürich, Basel, Bern, Aarau und viele andere Städte, selbst Dörfer. Hier in Rheinfelden wirkt das Rheinufer vom Inseli bis zum neuen Kraftwerk als Magnet, auch für ‘Zuzüger’. Sie rücken mit Grosspackungen Bier und Wurst an und hinterlassen oft eine veritable Schweinerei. Nach der Party ziehen sie benebelt von dannen und terrorisieren nebenbei die Quartiere entlang ihres Saubannerzugs. Ein wichtiger Grund für die Beliebtheit des linken Rheinufers ist ausserdem, dass es am deutschen Rheinufer keine geeigneten Partyplätze gibt und – noch viel wichtiger: Die Besucher wissen, dass sich die Schweizer Ordnungsdienste nachts im Ruhemodus befinden.

Wir geniessen viele Freiheiten, aber damit umgehen können leider längst nicht alle – besonders nicht im Sommer. Die viel zitierte Eigenverantwortung funktioniert erwiesenermassen nicht. Mit der Zeit kommen dann Regeln, Verbote und enge Kontrollen, was wiederum zu Gejammer über die vielen Vorschriften zur Folge hat. Am lautesten beklagt von den so genannten ‘Coolen’.

Es gibt andere Wege, aber die sind in mancher Hinsicht herausfordernd: Nämlich der Wille zum friedlichen Miteinander, Fähigkeit zum Dialog, zur Achtung der Anderen und dessen Freiheit. Es liegt vor allem am Wollen. Zugegeben, es gibt Zeitgenossen, bei denen es jedoch am Nicht-Können liegt.

 

Beat Schärer, Rheinfelden

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Kommentar von Paul Bachmann, Rheinfelden (D)

Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche hat die beste Antwort auf die ewigen, durchweichten Forderungen von Toleranz:
«Toleranz ist Resignation - und ein Beweis des Misstrauens gegen das eigene Ideal ».
Dem ist eigentlich nichts beizufügen.