Argumente gegen die aktuelle Bewirtschaftung von Waldflächen

Hier geht es zur forstlichen Wissenschaft.

 

A. Ausgangslage

 

1. Viele Waldbäume zeigen zuoberst oder auf einer Seite dürres Laub. In der Presse erscheinen zurzeit auffällig häufig Katastrophenmeldungen in der Form von Interviews mit Revierförstern. Dabei wird beispielsweise das Ende der Buche als Forstbaum beschworen. Schuld seien der Klimawandel, der nicht nur Wipfel dürr werden lasse, sondern den Forstmann zwinge, gefährliche und gefährdete Bäume zu fällen und durch „klimaresistente“ Arten zu ersetzen. Das prognostizierte Ende des typischen Jurabaumes wird also von der Forstwirtschaft gefördert.

 

2. Die Forstwirtschaft hat die Buche nie geliebt. Ihr Holz war für die mittelalterliche Flösserei zu schwer. Das Holz war für viele Verwendungen zu hart, zu wenig gerade und zu wenig gut bearbeitbar. Dazu kommt, dass einigermassen grosse Stämme von den auf Masse eingerichteten Sägereien gar nicht mehr verarbeitet werden können. Die Buche braucht länger als die Fichte, bis ein verwertbarer Stamm geerntet werden kann. Das alles schlug sich seit 200 Jahren negativ auf den Holzpreis und das Ansehen der Buche aus der Sicht der Forstwirtschaft nieder. Die Folge: Das Vorkommen der Buche in den Jurawäldern wurde durch die Forstwirtschaft künstlich reduziert.

Die Buche reagiert empfindlich auf Flächenhiebe, Kahlschläge, Stammverletzungen und Freistellungen. Sie eignet sich deshalb schlecht für die rationell-maschinelle Holzernte. Die Buche braucht Samenbäume im Bestand. Als Jungbaum kann sie lange unter dem Schirm alter Bäume ausharren, bevor sie wächst (Flexibilität/Elastizität im Wachstum). Mit Buchenholz wusste auch die Möbelindustrie wenig anzufangen. Erst als die oberitalienische Designindustrie aus dem „Brennholz“ der Buche gediegenste Sitzmöbel herzustellen wusste, wurde der Wert des Buchenholzes erkannt - aber wohl zu spät.

 

3. Die Forstwirtschaft hat dem Bestand und der Gesundheit der Buchen seit Jahrzehnten geschadet. Jetzt nehmen die Förster gerne die „neuen Waldschäden“ zum Anlass, beim Staat neue Gelder für die Forstkassen (und damit für die weitere Reduktion der Buchenbestände!) zu verlangen. Dass diese „Subventionen“ den Wald weiter schädigen werden und dabei auch den Holzpreis weiter senken, wird dabei billigend in Kauf genommen.

 

4. Die Klagen der Förster passen zur aktuellen Katastrophenstimmung. Sie werden gerne von der jetzt „hysterisiernden Presse“ (Binswanger) aufgenommen. Dass dabei Hintergrundwissen und Fakten ebenso fehlen, wie auch eigene Recherchen, lassen die meisten publizierten Artikel zu ungefilterter Propaganda verkommen.

 

5. Was fehlt, ist ebenso die nüchterne Stimme der Wissenschaft, wie auch eine Vision für die künftige Nutzung des Waldareals. Es gibt keine Forschung oder Ausbildung mehr für das Fach „Waldbau“ (z.B. an der ETH). Auch das Landesforstinventar LFI hilft nicht weiter: Wie der Name sagt beschäftigt es sich nur mit Bäumen und Holz und nicht mit dem Lebensraum Wald als Ganzes.

 

6. Was wir im Aargau heute haben, sind zu 100% bewirtschaftete Forstflächen. Kein Baum erreicht mehr als 40% seines möglichen Lebensalters. Wirtschaftsbedingt haben wir ausschliesslich junge Baumbestände mit einer „Übererschliessung“, mit flächenhaften Eingriffen, Zerstörung der Waldböden und des Waldklimas durch Flächenhiebe und die Entfernung von Waldsäumen (Waldmantel). Diese Jungwälder können artenreich sein, weil auf Lichtungen viele Pflanzen und Tiere des offenen Landes (ehemals karge Landwirtschaftsland) geeignete Standorte finden. Wenn aber die Goldammer im Waldareal singt, hat das mit Wald eigentlich nichts zu tun.

 

7. Ein Wald bräuchte für seine Entwicklung ältere Bäume, deutlich mehr Holzvorrat, Ruhe für seine Entwicklung, ein geschlossenes Kronendach und eigenes Totholz. Es gibt im Jura des Aargaus keine einzige Fläche von genügender Ausdehnung (mehrere hundert Hektaren), die diese Kriterien für einen solch naturnahen Wald erfüllte: Dieser „Dauerwald“ wäre aber gesetzlich gefordert! Deshalb sind eigentliche Waldvögel wie Kuckuck, Wald- und Fitislaubsänger, Trauerschnäpper u. a. weitestgehend verschwunden.

 

8. Auf die maltraitierten Forstflächen treffen immer mehr Nährstofffrachten (Stickstoffverbindungen) aus Landwirtschaft (Gülle) und Verbrennungsmotoren. Wenn Gülle stinkt, dann wirkt sie auch im Wald: Bäume filtern ihre Nährstoffe aus dem Tau und führen sie dem Boden zu. Dort können sie eine oberflächliche Versauerung des Bodens bewirken. Diese verändern – zusätzlich zu den übrigen Bodenstörungen - das ganze unterirdische Netzwerk (Pilze, Mikroben, Wurzeln), das wie ein Internet zwischen den Waldbäumen funktioniert. Bäume bilden in der Folge weniger Wurzeln, wie Pflanzen auf gegüllten Wiesen. Dies wiederum ist die Ursache für eine erhöhte Anfälligkeit auf Pilzbefall bereits in jungen Jahren. Die Forstwirtschaft weiss dies mit samt den Folgen: Die Bäume werden anfälliger auf Windwurf, Ast- und Stammbrüche. Weil damit das vorgesehene Erntealter der Bäume sinkt, kann der Betriebsplan (Hiebsatz) nicht eingehalten werden. Die Forstwirtschaft ist hier machtlos: Sie sie machtlos gegen die Agrar-Lobby, braucht auch deren Hilfe bei ihren Forderungen nach eigenen „Direktzahlungen“ und Abgeltungen.

Auch die regelmässig zu hohen Ozonwerte schädigen das Blattwerk. Sie schwächen das Wachstum und öffnen Schädlingen neue Zugriffsmöglichkeiten.

 

9. Das ganze Schädigungsszenario ist heute so weit gediehen, dass die pflanzensoziologische Waldkartierung des Aargaus (publiziert 2002) heute nicht mehr machbar wäre.

Die Waldwirtschaft beschäftigt sich traditionell nicht mit Naturschutz im Wald: Die dortigen Pflanzen und Tiere sind für sie nur aus Gründen der Propaganda bedeutsam. Sie übersieht (oder verschweigt?), dass der Eintrag von schädlichen Nähstoffen die ehemals vorhandenen regionalen Naturwerte (heute Biodiversität) gewaltig reduziert – und dies sowohl flächendeckend wie auch „nachhaltig“. Die Ausbreitung der Brombeeren, des Adlerfarns und das überbordende Pflanzenwachstum an Böschungen und Waldrändern sind dazu die untrüglichen Zeichen. Diese werden einfach dem Klimawandel zugeschrieben, statt dass man die eigentlichen Ursachen (v.a. die übermässig ausgebrachte Gülle) beseitigte und im Wald auf Flächenhiebe verzichtete.

 

10. Natürlich betrifft der Klimawandel auch die heutigen Forstflächen. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden: Es gibt keine Klimadaten aus dem Wald. Der Wald hat aber ein eigenes Klima, das sich deutlich von den Rekorden des Klimawandels unterscheidet: In geschlossenen Beständen sind die Temperaturschwankungen viel gedämpfter, dazu kommen grosse lokale Unterschiede, z.B. zwischen Nord- und Südhängen. Bei diesen Unterschieden nützen Durchschnittswerte wenig. Die für die Beschreibung des lokalen Waldklimas nötigen Messwerte fehlen aber gänzlich.

 

11. Für einen natürlichen Wald wäre der Klimawandel noch lange nicht problematisch. Wald kommt im Aargau nirgends an seine klimatischen Grenzen. Er ist noch lange fähig, sich erfolgreich und kostenlos an die neue Situation anzupassen. Man sollte ihn bei diesem Prozess unterstützen, aber nicht mit groben Eingriffen stören.

 

12. Der Wald wird nicht durch die Durchschnittswerte des Klimas geschädigt, sondern durch das konkrete Wetter. Dieses trifft auf einen weitgehend entblössten Waldboden und geschädigten Forst. Für die Buche heisst dies beispielsweise: Sie sind Spätfrösten weit mehr ausgeliefert, als wenn sie im Wald stünden. Die Naturverjüngung wird dadurch ausgebremst. Dies gilt auch für den heute früheren Laubaustrieb: Im geschlossenen Baumverband treibt die Buche ihr Laub nur unwesentlich früher aus als freistehende Bäume (z.B. Kirsche).  Stiel- und Traubeneichen sind auf Lichtungen anfälliger auf Mehltaubefall.

 

 

BDer Beitrag des Wissens

 

1. Die Klimaerwärmung bewirkt im Allgemeinen ein früheres Austreiben der Laubbäume. Damit wird die Wasserentnahme durch die früher einsetzende Verdunstung verstärkt. Diese kann nicht durch vermehrte Niederschläge kompensiert werden.

 

2. Auf Kahlschlägen ist aber mangels Laubbäume die Verdunstung häufig so reduziert, dass Nässezeiger wie Hängende Seggen gedeihen können (z.B. in Fahrspuren von Rückegassen oder an Strassenrändern). Dies zeigt, dass Walderschliessungen dem Forst durch Abfliessen Wasser entziehen – Wasser, das nicht durch Niederschlag kompensiert werden kann. Dieser Feuchtigkeitsmangel ist bedeutsamer als die zunehmende Hitze. Er wirkt vor allem auf Flächenhieben, bei künstlichen Schlagkanten im Bestand, die zudem weitere Windwürfe begünstigen.

 

3. Gegen den Befall von Borkenkäfern gibt es kein gültiges Rezept. Die grossen Mengen an „Käferholz“ entsprechen keiner Notwendigkeit. Borkenkäfer (es gibt viele Arten), dienen dem natürlichen Wald bei alten Bäumen zur Aufarbeitung des toten Holzes für die stete Walderneuerung. Die wenigen Käferarten, die mit dem Namen „Borkenkäfer“ zu Sündenböcken gestempelt werden (z. B. Buchdrucker) vernichten ungeeignete Forstbaumarten, die im Wald eigentlich nichts zu suchen haben. In unsern Forsten ist der Borkenkäfer also das Indiz für den (erfolgreichen) Kampf des Naturwaldes gegen den Kulturforst. Statt dass nun die Förster zurück zum naturnahen Wald gehen, kämpfen sie erfolglos gegen die „Borkenkäfer“ und werfen grosse Mengen an Holz auf einen übersättigten Markt. Dieses Holz wird grossmehrheitlich verfeuert, wodurch das im Holz gespeicherte CO2 wieder freigesetzt wird, statt im Bauholz für ein paar Jahrhunderte gespeichert zu bleiben.

 

4. Die aktuelle „Eichenmanie“ ist kurzsichtig. Weil von einer raschen Erwärmung ausgegangen werden muss und Eichen langsam wachsen, können diese in eine Warmphase hineinwachsen, der sie nicht gewachsen sind. Dazu werden jetzt zu viele Eichen gepflanzt: Diese Dichte ist ideal für neue Epidemien. Die Risiken sind gross, ein „Return“ des investierten Geldes ist ausgeschlossen.

 

5. Auf schnell wachsende Bäume darf deshalb noch lange nicht verzichtet werden: Die Buche mit der doppelten Wachstumsgeschwindigkeit der Eiche (und ihrer genetischen Anpassungsfähigkeit dank unzähliger Samen) kommt vermutlich noch vor dem erwarteten „ungarischen“ Klima durch.

 

6. Die maschinengetriebenen Flächenhiebe sind multipel schädlich. Sie zeigen am ehesten eine menschliche Schwäche: Statt das geeignetste Werkzeug auszuwählen, ziehen Forstbetriebe die neuesten vor.

 

 

C. Die gegebenen Verhältnisse

 

1. Unser Wald steht in der Regel auf den schlechtesten Böden. Tiefgründige Böden wurden für die Besiedlung und Landwirtschaft reserviert.

 

2. Unser Wald ist ein von Menschenhand geformtes Gebilde. Spätestens seit 1850 wurde er immer schneller mit immer wirksamerem Gerät in einen holzproduzierenden Forst umgewandelt.

 

3. Die Waldbewirtschaftung folgt jetzt trittsicher dem Weg der Landwirtschaft: Wir leisten immer mehr Direktzahlungen für die Beraubung der Natürlichkeit unseres Lebensraums Landschaft.

 

4. In der Schweiz haben wir ein unterentwickeltes Sensorium für ästhetische Landschaftswerte. Neben dem Geldnutzen haben es andere Werte unendlich schwer. Die beiden staatstragenden Parteien (FDP und SP) unterscheiden sich bei diesem Manko nicht.

 

5. Vorhandene Gesetze (Natur- und Heimatschutz, Raumplanungsgesetz, eidgenössische und kantonale Waldgesetze), die allesamt Artikel zum Schutze von Lebensräumen und Landschaften enthalten, werden von den offiziellen Forstorganen ignoriert und boykottiert.

 

6. Klimatische Extremereignisse wie Stürme, austrocknende und lange Bisenphasen, Hitzewellen, Schneemangel (tiefe Grundwasserspiegel) nehmen an Häufigkeit zu. Diese treffen den Wald eher punktuell als allgemein. Starkniederschläge können beispielsweise sehr lokal auftreten.

 

7. Die Waldeigentümer (in der Regel Ortsbürgergemeinden) sind nur bei glücklichen Zufällen ihrer Verantwortung gewachsen. Sie delegieren diese immer öfter an die „Waldkönige“ (Revierförster und Forstbetriebe). Die Delegierenden sind nur an schwarzen Zahlen in ihren Kassen interessiert.

 

8. Der Staat versagt als Aufsichtsorgan des Waldes. Er ist eher Komplize der Verantwortlichen als ihr langfristiger Lenker, Ausbildner und Kontrolleur. Die Hierarchie der Waldorgane (Revierförster bis Buwal) ist charakterisiert durch Verflechtungen und loyale Seilschaften. Die zuständigen Verwaltungsabteilungen sind wie üblich den politischen Verhältnissen ergeben.

 

9. Die Politik arbeitet unter dem Druck der Wald- und Holzlobby munter an der Demontage des einmal vorbildlichen Waldgesetzes: Ein Beispiel: Der Grundsatz, wonach Rodungen aus finanziellen Gründen verboten sind, ist jetzt so aufgeweicht worden, dass eher auch das Gegenteil gilt.

 

10. Die Förster scheinen den Faktor der Kohlendioxid-Senke des Waldes vergessen zu haben. Ältere Stämme speichern dieses Klimagas in grossen Mengen. Bäume sind nie ausgewachsen, müssen also an keinem Lebensende gefällt werden. Die Holzernte darf sich also durchaus dem Gesetz von Angebot und Nachfrage fügen. Die Forstwirtschaft wirft aber ständig mehr Holz auf den Markt, als dieser schlucken kann. Die aufgehäuften Stapel mit Käferholz werden zum Grossteil kurzsichtig verbrannt (s. dazu B/3). Die Forstwirtschaft steckt in einer engen Sackgasse (Holzproduktion) als untaugliches Handlungsmuster.

 

11. Der Waldwirtschaft fehlt weitgehend die „Leitkuh“ der Wissenschaft: Von Hans Leibundguts Predigt zum „Lernen vom Urwald“ und dem „Schweizer Waldbau mit internationaler Ausstrahlung“ ist nichts geblieben.

 

12. Wo die Wissenschaft den Kurs nicht vorgeben kann, könnten gute Beispiele ihre Rolle übernehmen. Diese sind zwar durchaus vorhanden, stossen aber auf einen mächtigen Gruppenzwang als Gegenstrom. Nicht genormte Förster werden bei der Pensionierung durch Konformisten ersetzt oder durch neu organisierte Forstreviere neutralisiert.

 

13. Die Förster verhalten sich wie die Israeliten beim Bergerlebnis von Moses auf dem Sinai: Statt auf die Gnade der Gesetzestafeln zu setzen, tanzten sie um das goldene Kalb (2. Mos. 32,1-4). Das Wunder unserer Waldgesetze (alle wollen angeblich den „naturnahen“ Wald fördern!) wird analog durch die Faszination der Vollerntner ersetzt. Auf einen wütenden und wirkmächtigen Moses warten wir immer noch.

 

14. Die Naturschutzorganisationen leiden an ihrer Mitmach- und Nahsicht-Optik: Ein Busch Frauenschuhblüten ist ihnen wichtiger als das Leiden des ganzen Waldes. Das ist der Grund für ihre friedliche Koexistenz mit den Ortsbürgern. Der Naturschutz stört den Waldbetrieb nicht, weil er Teil seiner Propaganda und Förderprogramme geworden ist. Die Zentralisierung der Naturschutzorganisationen schwächt die lokalen Vereine, die auch immer mehr die Unterstützung durch die Schulen und lokalen LehrerInnen verlieren: Das Fach „Naturkunde“ gibt es in den Primarschulen nicht mehr.

 

15. Die Gewaltentrennung im Wald ist ihrem Gegenteil erlegen: Die Förster sind „Waldkönige“ geworden, die ihre Arbeit selber kontrollieren und dabei auch eigene Interessen verfolge dürfen.

 

16. Der Wald und seine Bewirtschaftung wird von der Öffentlichkeit (auch Presse) uninteressiert, unkritisch bis obrigkeitsgläubig wahrgenommen: An Waldumgängen wird alles von Förstern Vorgetragene auch geglaubt; eher wird dem Papst das Recht abgesprochen, zur Nothilfe im Mittelmeer seine Meinung zu äussern, als dass ein Flächenhieb von 2 Hektaren hinterfragt würde. Kennzeichnend dafür ist auch die Tatsache, dass niemand nach dem Erfolg der aktuellen Forstbewirtschaftung fragt. Förster sind in der demokratischen Schweiz zu Inseln der Autokratie geworden.

 

 

D. Ein Beispiel: das untere Fricktal

 

1. Die Kiesschicht der Waldböden ist vielerorts für die Baumwurzeln (eher) uninteressant, weil zu trocken oder zu nass. Sie beginnt oft schon wenig tief unter der Oberfläche.

 

2. Die Wurzelteller auch hoher Bäume haben erstaunlich kleine Durchmesser. Als Ursache werden u.a. giftige Gase aus der Aluminiumproduktion vermutet. Auch der Eintrag von Stickstoff-Verbindungen oder die Bodenversauerung könnten ursächlich beteiligt sein.

 

3. Kräftige Bisenlagen dauern häufig mehrere Tage.

 

4. Das untere Fricktal erfährt oft die heftigsten Hitzewellen der Schweiz. Im Jahresdurchschnitt ist die Temperatur aber nicht besonders auffällig (10.0°C, Bern 8.8°C), wie auch die jährliche Niederschlagsmenge (Rheinfelden 843 mm, Bern 911 mm).

 

Persönliche Beobachtungen (Anfang August 2020, von jk)

 

5. Die Liste von stark geschädigten Baumarten (beobachtet an relativ jungen Bäumen)

·      Buche (häufigster Baum, eher Flankenschäden als Wipfeldürre, häufige Stammverletzungen, diese oft von Hallimasch-Pilzen befallen, die Holz zersetzen und zu massiven Astbrüchen führen können)

·      Fichte

·      Sommerlinde (!)

·      Hagebuche (!)

·      Birke

·      Erle

·      Eiche (Spezialfall: häufig kahle Äste, aber kein dürres Laub)

·      Feldahorn (an Waldrändern)

·      Roteiche (wenig)

 

Keine Dürreschäden:

·      Robinie

·      Föhre (aber häufig dürre Einzelnadeln)

·      Eibe (es gibt im Gebiet keine Exemplare >8m!)

·      Lärche

·      Bergahorn (Jungpflanzen auf Kahlhieben aber stark betroffen)

·      Esche (sofern gesund)

 

6. Am auffallendsten im Gebiet Rheinfeldens: Wer vom Niveau des „Grossgrüts“ zum „Beuggerboden“ (beide topfeben) hinuntergeht, gelangt von einem stark von Dürreschäden betroffenes Gebiet in eines ohne Dürreschäden. Das Grossgrüt ist den Ostwinden ungeschützt ausgesetzt, der Beuggerboden aber überraschend gut davor geschützt.

Unten sind auch hohe Buchen bis zuoberst rein grün, was auch für Eschen, Bergahorn, Sommerlinden, Föhren, Lärchen, Eichen gilt.

 

7. Mit dem Schutz vor Bisen-Stürmen wechseln aber vom Grossgrüt zum Beuggerboden auch einige andere Faktoren - wie beispielsweise der Grundwasserspiegel.

 

 

E. Das wissenschaftliche Grundproblem

 

1. Damit ist die wissenschaftliche Problematik eigentlich bereits offengelegt: Es ist die Vielzahl an Faktoren, die bei den aktuellen Blattdürren beteiligt sind: Ein einfaches Ursache-Wirkungs-Paar gibt es vermutlich nicht.

 

2. Ein Beispiel mit nur 2 Faktoren:

Im Unterwallis gab es einen Streitfall zum dortigen Föhrensterben. Zwei Faktoren sassen auf der Anklagebank: Die Aluproduktion in Chippis mit ihren giftigen Abgasen, und die natürliche Sommertrockenheit an den Südhängen des Rhonetals. Die begutachtende ETH hatte alle Mühe, die Schuldfrage zu klären: Das fast salomonische Schlussurteil lautete: Die Föhren würden ohne die Abgase von Chippis die Sommertrockenheit meistern, sie würden aber diese Gase überleben, wenn es die Sommertrockenheit nicht gäbe.

 

3. Bei der Wipfeldürre dürften aber beteiligt sein:

·      Bodenfeuchte

·      Bodenbeschaffenheit

·      Durchwurzelung der Stammumgebung, Wurzelkonkurrenz(?)

·      Sonnen-Exposition (Waldrand, Ränder von Flächenhieben)

·      Schützender oder fehlender Waldsaum

·      Windexposition   

·      Lokales Mikroklima (wichtiger als das Durchschnitts-Klima der Region)

·      Eigenschaften der Baumarten

·      Individuelle Baumeigenschaften (unterschätzt)

·      Geschlossenheit des Baumbestandes

·      Wetterverhältnisse beim Blattaustrieb (entscheidend für Blattgrösse und Dicke der Cuticula)

·      Spätfröste

·      Schädigungen aus Vorjahren (z.B. Stammverletzungen)

·      Alter des Bestandes

 

4. Diese Faktoren gab es natürlich schon immer – wenn auch einige davon jetzt akzentuierter auftreten.

 

5. Bevor man nun überhastet bei Dürreschäden eingreift, müsste man auf die Prozesse der Selbstheilung warten. Der Wald hat eine innere Elastizität gegenüber den wechselnden Unbilden der einzelnen Jahre. Man müsste also die Geduld aufbringen, die Erholungsfähigkeit des Waldes abzuwarten. Die heutige Waldwirtschaft neigt aber zum Aktionismus, wozu sie auch das nötige Gerät besitzt und brauchen muss. Dabei geht das weise Förstergebot von Leibundgut vergessen: „Ein Förster sollte ein intelligenter Faulpelz sein“ (nicht selber eingreifen, wo der Wald dies selber und besser kann).

 

6. Man kann bei dieser Ausgangslage die berechtigten Fragen stellen, ob die Ortsbürgergemeinden noch die geeigneten Waldeigentümer sind, die heutigen Bewirtschafter für ihr Metier richtig ausgebildet wurden, der Kanton seinen Waldgesetzen die nötige Nachachtung verschafft  - und ob die  jetzt immer reichlicher fliessenden „Subventionen“ nicht etwa die beschriebene Sackgasse  weiter zementieren.

 

7. Der Förster der Gegenwart - und noch viel mehr der Zukunft - müsste ein Gefühl für die Walddynamik entwickeln, kleinräumig eingreifen, ständig beobachten und aus dem Gesehenen richtig schliessen können. Das verlangt eine ganz andere Sensibilität als der Umgang mit einem Vollerntner und dem Blick auf die jährliche Waldrechnung der Eigentümer. Und viel mehr Förster als heute.

 

8. Dieser Mangel an Wald-Sensibilität wird nun zur eigentlichen Gefahr für den Wald: Die Vollerntner könnten eingesetzt werden zum präventiven Entfernen gefährdeter Baumarten (z.B. der ungeliebten Buchen). Diese wird aber noch einige Zeit im künftigen Wald bedeutsam sein, vielleicht nicht mehr flächendeckend, aber sicher noch an den vielen geeigneten Standorten.  

 

 

F. Zusammenfassung

 

1. Der Wald ist unser natürlichstes und verbreitetstes Ökosystem.

 

2. Es besteht aus einem Bio-Netzwerk im Boden, einer geschlossenen Baumschicht und einem abschliessenden Waldsaum. Damit wird ein eigenes Waldklima geschaffen.

 

3. Der Wald diente bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als Energiequelle und als Lieferant für Baumaterial und Gerätschaften. Zusätzlich wurde damals seine Schutzfunktion bei Überschwemmungen und Lawinenniedergängen "entdeckt". Diese waren der Ursprung der Schweizer Waldgesetze (Schutz der Waldflächen).

 

4. Während der industriellen Revolution verlor Holz zunehmend seine Bedeutung als Werkstoff und Energiequelle. Das geschlagene Holz übersteigt damit immer mehr die Nachfrage; die Marktpreise erlauben keine kosteneckenden Erntepreise mehr. Damit wäre die Gelegenheit gekommen, dem Wald seine ursprüngliche Funktion wieder zurückzugeben. Man könnte ihn von seiner Hauptfunktion (Holzproduktion) entlasten und die Holzmasse im Wald ansteigen lassen (kein Baum ist jemals "ausgewachsen").

 

 5. Obwohl die Waldgesetze die Holzproduktion nicht eigentlich prioritär erwähnen (der "naturnahe Wald" wird mindestens ebenso häufig als Bewirtschaftungsziel genannt wie die Holzproduktion), werfen die Forstbetriebe unvermindert grosse Holzmengen auf den Markt - und verlangen für die wachsenden Defizite wachsende Direktzahlungen.

 

6. Damit geht aber eine noch grössere Gefahr einher: Der Umbau des Waldes in naturferne Forste. Dies schädigt alle Funktionen des Ökosystems Wald zentral: Das typische Waldklima dürfte bereits grossflächig verschwunden sein.

 

7. Mit der Verformung des Waldes geht auch eine gezielte Verschiebung im Artenspektrum einher. Die Buche wird bereits als Opfer ins allgemeine Visier genommen. Eichen-Monokulturen sollen sie ersetzen.

 

8. Ursache und Wirkung werden unbesehen vertauscht. Niemand fragt sich, ob die Borkenkäferplage nicht etwa Folge der naturfernen Bewirtschaftung sei. Er muss die Ursache für die gigantischen Holzstösse sein - nicht etwa die Folge anderer Fehler.

(Analogie: Das Neue Jagdgesetz richtet sich u. a. gegen den Wolf, der Schafe reisst. Dass die unvernünftige Zahl an weidenden Schafen Ursache der Zunahme des Wolfes sein könnte, wird kaum in Betracht gezogen.)

 

9. Der Wald brauchte jetzt Ruhe, um seine Selbsstheilungsprozesse zeigen zu dürfen. Stattdessen erlebt er einen maschinengetriebenen Aktivismus mit zunehmenden (öffentlichen) Kostenfolgen.

 

10. Die Verantwortung für das Ökosystem Wald wäre in den Waldgesetzen genügend fixiert, wird real aber immer weniger wahrgenommen. Waldeigentümer delegieren sie an profitorientierte Forstbetriebe, Naturschutzorganisationen sind kleinräumig interessiert, und der Kanton übt seine Kontrollpflicht eher so aus, dass er die bestehenden Verhältnisse gutheisst. Vorbildliches - wie etwa das Forstrevier von Sebastian Maier (Sulz-Laufenburg) - wird ignoriert.

 

Jürg Keller, Rheinfelden

13.09.2020